Traum oder Wirklichkeit, surreal oder real, wo ist die Grenze und gibt es diese überhaupt? Fragen, die sich viele Wissenschaftler, Mediziner, Philisophen und Künstler in den Jahrhunderten hindurch gestellt haben. Einer der sich sein lebenlang damit auseinandersetzte, war der spanische Filmregisseur Luis Buñuel, dessen Werke mich schon früh inspirierten.
Sich mit dem Leben Luis Buñuels zu beschäftigen, ist gleichzusetzen wie sich mit der europäischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und ihren Galionsfiguren auseinanderzusetzen. Buñuel wurde im Jahr 1900 in Spanien geboren wurde und begann in den 20iger Jahren in Paris, das damals der künstlerische Nabel der Welt, seine Karriere als Filmschaffender. Seine beiden Kurzfilme „Un chien andalou“ 1929 und „L´Age d´Or“ von 1930 in Zusammenarbeit mit dem spanischen Maler Salvator Dali gelten heute noch als visuelle und technische Meisterwerke des surrealistischen Films. Obwohl schon damals der Stummfilm technisch fortgeschritten war: D.W. Griffith hatte bereits sein monumentales Epos „Intolerance“ 1916 und Fritz Lang seinen bahnbrechenden Film „Metropolis“ 1921 produziert, riefen Buñuels Kurzfilme heftige Kritik seitens des konservativen Lagers hervor, die in Zensur und tätliche Angriffe endeten.
Für Buñuel waren diese Kontroversen seine Motivation sich weiter gegen die scheinheilige und reaktionäre Moral der Bourgeoise und der Kirche aufzulehnen. Künstler wie der amerikanische Photograph Man Ray, oder der französischen Autor und Maler Jean Cocteau ermutigten den jungen Spanier seine Arbeit fortzusetzen. Buñuel folgte den Ruf nach Hollywood,. Seine kommunistischen und athetistische Haltung machten es ihm schwer in der kommerziellen Filmindustrie Hollywoods Fuß zu fassen, wo Kommunisten das Feindbild Nummer Eins waren. So gelangte er nach Mexiko, wo er sein Leben lang bleiben sollte und einige der bedeutensten mexikanischen Filme der 50er und 60er Jahre drehen sollte. Ein Film aus dieser Periode, der ihm auch wieder Anerkennung in Europa brachte, war der Film „Los Olvidados- auf dt. Die Vergessenen“ von 1950. Es ist eine im Stil des italienischen Neorealismus inszenierte Geschichte über Straßenkinder in Mexiko City, mit surrealen und expressiven Elementen, der in Mexiko, wegen seines Realismus zum Skandal avancierte, aber mit der Goldenen Palme des Filmfestivals von Cannes prämiert wurde.
Der spanisch-mexikanische Regisseur (Buñuel nahm die mexikanische Staatsbürgerschaft an) drehte viele unterschiedliche Filme in Mexiko, von denen einige erfolgreich waren, viele aber heute vergessen sind, wie zum Beispiel „Die Abenteuer des Robinsin Crusoe“ von 1954. Es war nicht die erste Verfilmung des Weltklassikers von Daniel Defoe, aber die erste mit spanischsprachigen Schauspielerinnen. Der solide und handwerkliche feine Film wurde damals ein großer kommerzieller Erfolg für Bunel und ermöglicht ihn, weitere Projekte umsetzen. Ein Jahr zuvor hatte er mit dem Beziehungsdrama „El“ ìn Mexiko keinen Erfolg, auch wenn der Film recht gut gemacht war und das kluge Porträt eines Menschen zeigt, der durch seine mentalen Zustände seine Ehe und sein Leben zerstört. Erwähnenwert ist die Krimi-Komödie „Ensayo de un crimen. Auf dt. Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“ von 1955, eine Art Suspense Thriller, angelehnt an Hitchcocks Filme, aber dennoch eine raffinierte Erzählung über die gefährlichen Obesessionen eines Mannes. Der Film wurde von vielen Kritikern gelobt wurde und zählt auch zu meinen liebsten Bunel Film. 1960 vewirklichte er einen komplett englischsprachischen Film (sein damals zweiter) „The Young One“, in dem es um sexuellen Mißbrauch und Rassismus geht. Eine Low-Budget Produktion mit eher unbekannten Schauspielern, aber dennoch spannend und unaufdringlich insziniert. Wie in fast allen Bunel Filme tritt auch hier ein Priester auf, der aber, ( und dies ist relativ selten in Bunels Filme), für Gerechtigkeit sorgt und das Unrecht verhindert. Der antiklerikale Atheist Bunel konnte sich sein Leben lang nicht von dem Einfluß der katholischen Religion freimachen und so drehte er im selben Jahr einen seiner kontroversiellsten Filme „Viridiana“.
In „Viridiana“ geht es um eine junge Frau, die sich entschließt Nonne zu werden, aber zuvor auf das Gut eines Onkels eingeladen wird, der für ihre Kosten aufgekommen ist. Der Gutsbesitzer wohnt zurückgezogen in einem verfallenen Haus und glaubt in Viridiana die Verkörperung seiner verstorbenen Frau zu erkennen. Die junge Frau wehrt sich gegen seine Avancen und einen Heiratsantrag. Der Onkel betäubt sie eines Nachts und macht ihr am nächsten Morgen glauben, dass er sie vergewaltigt hat, damit sie nicht ihr Gelübde ablegen kann und seine Frau wird. Viridiana schaffte es zu fliehen. Der Onkel stirbt einige Zeit danach und vererbt ihr sein Gutsbesitz. Viridiana macht daraus ein Heim für Bettler, Obdachlose und Verstoßene, wird aber selbst zum Opfer ihres gutes Willens und der Bosheit derjenigen, die sie helfen wollte.
Der Film ist mehr eine Satire als ein Drama, und für das moderne Publikum nicht gerade ein Skandalfilm, dennoch schafft es der Vatikan den Film für Jahrzehnte zu verbieten und sogar der spanische General und Langzeitpräsident Franco zensurierte diesen, so dass er erst siebzehn Jahre später in Spanien zu sehen war.
In den 60iger Jahren drehte Luis Buñuel einige seiner heute bekanntesten Filme, wie das Re-Make von „Le journal d´une femme de chambre- dt. Titel: Tagebuch einer Kammerzofe“ von 1964 mit den grandiosen französischen Schauspielern Jeanne Moreau und Michel Piccoli. Der französische Regisseur Jean Renoir hatte schon 1946 die Romanvorlage verfilmt, allerdings finde ich Buñuels Version viel besser, auch wenn es einer seiner untypischsten Filme ist und diesmal keinen Skandal auslöste.
Einer meiner Lieblingsfilme ist die in Mexiko gedrehte surreale Satire „El ángel exterminador“ 1962, in der eine vornehme Gesellschaft ein Fest in eine Villa feiert, aber das Haus aus mysteriösen Gründen nicht mehr verlassen kann und in eine Extremsituation gerät, die zivilisatorische und humanistische Ideale erodieren lassen. Eine surreake Idee, die bestechend umgesetzt wurde, und eine Allegorie über die Verletztlichkeit unserer Kultur ist, die unter extremen Bedingungen abfällt und das Schlechte im Menschen hervorbrechen läßt.
Sein berühmtester Film drehte Buñuel 1966: „Belle de Jour“, ein außergewöhnlicher Erotikfilm, der in Frankreich spielt, in die Hauptrolle Catherine Deneuve. Im Vergleich zu erotischen Filmen heute ist „Belle de Jour“ nahe zu zahm und in seiner satirischen Annäherung eher komisch als erotisch. Das Doppelleben einer jungen Frau mit verschiedenen Liebhabern, von denen manche einen bizarren Spleen haben, sind keineswegs pervers oder obszön, bleiben letztlich harmlose Spielereien, wo nur wenig nackte Haut zu sehen ist. Dennoch war der Film einer der größten finanziellen Erfolge des Regisseurs und machte Deneuve weltberühmt. Deneuve spielte auch vier Jahre später in Buñuel Film „Tristana“ die Hauptrolle, wo es um ein ähnliches Thema wie in seinem vorherigen Film „Viridiana“ geht.
Als Siebzigjähriger bekam Buñuel endlich die Chance seine surrealistischen Ideen und Visionen in Filmen umzusetzen, zu denen ihm früher das Kapital und die Möglichkeiten fehöten. Nach dem Erfolg mit „Belle de Jour“ fand er Geldgeber um eine Trilogie, die er „die Suche nach Wahrheit“ nannte, zu verwirklichen. „La Voie lactée- dt. Titel: Die Milchstraße“ von 1969 ist der erste Teil, der die Pilgerreise zweier Vagabunden zum spanischen Wallfahrtort Santiago de Compostela und die Ereignisse, die ihnen auf dieser Reise widerfahren, schildert. Der Film nimmt dies zum Anlaß, um sich mit Riten, Mythen und Absurditäten der katholischen Religion auseinander zu setzen. Buñuel, der theologisch sehr versiert war, nahm religiösen Befindlichkeiten aufs Korn genommen und durch eckte durch skurille Provoktionen wider mit der Zensur an, vor allem im Heimatland der katholischen Kirche, in Italien, wurde der Film verboten und durfte dort nicht aufgeführt werden.
Persönlich finde ich die weiteren Teile seiner Trilogie „La Charme discret de la bourgeoisie“ von 1972 besser und komischer. „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ war auch der einzige Film Buñuels, der mit einen Oscar in der Kategorie; Bester ausländischer Film, ausgezeichnet wurde. Besetzt mit der „Creme de la Creme“ des französischen Kinos der siebziger Jahre: Stéphane Audran, Jean Pierre Cassel, Paul Frankeur und Fernando Rey (der ein gebürtiger Spanier war). Die Handlung dreht sich um zwei Ehepaare aus der gesellschaftlichen Bourgeoisie, die in allerlei diffuse und surreale Ereignisse verwickelt werden, bevor sie ein gemeinsames Abendessen einnehmen, und in eine Neuinterpretation von Buñuels mexikanischen Film „El ángel exterminador“.
Der letzte Teil der Trilogie „La Fantome de la liberte´- dt. Das Phantom der Freiheit“,von 1974, wird Buñuel sogar extremer und reiht verschiedene surreale Episoden aneinander, die sämtliche kulturellen, historischen und moralischen Werte und Normen auf dem Kopf stellen und reaktionäre, religiöse Doktrin parodieren. Wieder geben sich französiche Filmstars ein Stelldichein und wieder ist der Film eine amüsante, anarchistische Komödie.
Mein absoluter Lieblingsfilm von Luis Buñuel ist sein letzter Film „Cet obscur object du désir“ , den er 1977 verwirklichte. Wieder spielt der Spanier Fernando Rey (ein Zweites-Ich des Regisseurs) einen älteren Herren, der einer jungen Frau verfällt, sie zur Geliebten nimmt und mit ihrer sexuellen Zurückweisung konfrontiert wird: kurz gesagt, sie verweigert jeden Sex, was den Protagonisten zunehmend seelische Qualen bereitet und in den Wahnsinn treibt. Die Geliebte wird in dem Film von zwei verschiedenen Schauspielerinnen einer Französin und einer Spanierin verkörpert, obwohl sie die selbe Person mimen. Der Film war kein finanzieller Erfolg, dennoch gilt er als der künstlerische Endpunkt in der Karriere dieses bedeutenden Regisseurs,
Buñuel zählt heute zu den großen europäischen Regisseurn wie Fellini, Godard, Antonioni oder Melville und hat mit seinen vielen unterschiedlichen Werken einen Platz in der Filmgeschichte erlangt, der von vielen aktuellen Filmmachern bestätigt wird und bis heute nachwirkt. Für Cineasten sei sein Memoiren mit dem Titel „Mi ultimo suspiro“, geschrieben von seinem Komapagnion und Drehbuchautor vieler seiner Filme Jean Claude Carriére empfohlen. Das Buch ist grandios geschrieben, informativ und unterhaltsam und ermöglicht eine cineastische Zeitreise durch die Augen des großen Regisseurs.
Mike Masuri, Oktober 2025
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