Eine Homage an den Autor J.G. Ballard.
Ich war schon seit meiner frühen Jugend ein Fan von Science Fiction-Filme: Leinwandklassiker wie „Blade Runner“, „Matrix“. „Total Recall“, die „Star-Wars-Reihe“ oder „2001: Space Odyssey“ zählen zu meinen Lieblingsfilmen. Mit Science Fiction Literatur konnte ich mich nicht so anfreunden.
Ich las einige Romane des polnischen Autors Stanislaw Lem, wie „Die Astronauten“ oder „Solaris“, doch keines schaffte ich bis zum Ende zu lesen. Lem war ein schelmischer Satiriker mit stark kulturphilosophischem Einschlag und hatte seinen Reiz, zum Fan wurde ich aber nicht.
Der in Russland geborene, später in die USA emigrierte Professor und Science-Fiction Autor Isaac Asimov war ein fleißiger Schriftsteller, der viele Romane, Kurzgeschichten und Essays verfasste und in der Szene schnell berühmt wurde. Ich fand seinen Roman „The Naked Sun“ interessant, in dem er die Kultur und Technologie einer fremden Planetenpopulation beschreibt, die von Geburt an jeden physischen Kontakt meidet. Dennoch konnte ich mich nicht für seine Themen begeistern, die häufig von langwierigen Beschreibungen technologischer Entwicklungen gezeichnet sind.
Den Roman des Amerikaners Arthur C. Clarke „2001: A Space Odyssey“ von 1968 las ich erst, nachdem ich Stanley Kubricks Verfilmung im Kino gesehen hatte. Der Roman hat mich durchwegs begeistert und ich halte ihn für einen der größten und prophetischsten SF-Romane des 20. Jahrhunderts. Andere Romane von C. Clark habe ich allerdings nach wenigen Seiten zur Seite gelegt.
Die Bücher eines anderen amerikanischen Autors, Philip K. Dick, entdeckte ich auch durch den Film. „Do Androids Dream of Electric Sheep?“, geschrieben im selben Jahr wie „Space Odyssey“, fand ich zwar gut, aber nicht so gut wie die legendäre Verfilmung von Ridley Scott aus dem Jahr 1982. Auch P.K. Dicks Roman „The Man in the High Castle“ spielte mit einem interessanten Szenario – die Nationalsozialisten haben den Krieg gewonnen und die USA besetzt –, doch die Handlung und die Personen fand ich konfus, wenig greifbar und nur ansatzweise spannend. Seinen dystopischen New-Wave-Roman „A Scanner Darkly“ von 1977 halte ich dagegen zumindest für witziger und origineller, vergleichbar mit dem Drogenkult-Roman „Naked Lunch“, der im selben halluzinierenden und absurden Stil verfasst wurde. Letztlich hatte Philip K. Dick eine wirklich beeindruckende Vorstellungskraft, die seiner tatsächlichen schriftstellerischen Qualität bei weitem übertraf.
William Gibsons Cyberpunk-Roman „Neuromancer“ von 1984 konnte mich wirklich überzeugen. Eine lesenswerte und überzeugende Geschichte mit außergewöhnlichen Charakteren und Ideen, ein Meilenstein der SF-Literatur, die sich schon damals mit den Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auseinandersetzte.
Einer meiner liebsten SF-Autoren ist und bleibt der britische Autor James Graham Ballard, der von 1930 bis 2009 lebte und meiner Meinung nach, einer der größten englischsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts ist.
Ballard ist kein klassischer Science-Fiction-Autor wie Lem, Asimov, Clark oder Dick, auch wenn er ebenso wie diese Autoren viele Jahre Kurz- oder Folgegeschichten in SF-Zeitschriften veröffentlichte, die von den 50er bis zu den 70er Jahren ein großes Publikum fanden.
Seine Werke spielen nicht nur in einer utopischen Zukunft, in fernen Galaxien oder auf anderen Planeten. Meistens erzählen sie von Menschen in der modernen Zeit, von Charakteren, die sich in einer veränderten Umwelt zurechtfinden müssen, die mit Verfall und Zerstörung konfrontiert sind, mit Obsessionen und Fetischismus, mit Lust und Tod. Ballard wird oft zu den New-Wave-Autoren gezählt, dann wieder zum Pop Art, mit Anleihen aus dem Surrealismus oder der absurden Literatur. Einer, den man schwer kategorisieren und schubladisieren kann.
Der erste J.G. Ballard-Roman, den ich las, war „The Crystal World“ von 1966. Es ist ein hervorragender Roman über einen britischen Arzt, der in Kamerun landet und sich von dort in Richtung einer Lepra-Station aufmacht. Unterwegs durch den dichten, afrikanischen Dschungel stellt er fest, dass alles, was er berührt, sich kristallisiert und zu seinem Schock, diese Kristallisation sich schlagartig ausbreitet. Dieser äußere Transformationsprozess reflektiert sich in dem psychologischen Innenleben der Protagonisten. Die Beschreibung dieser seltsamen Kristallisation ist absolut phänomenal und zeugt von dem großen Talent des Autors, Details und Prozesse nachvollziehbar zu erzählen.
Ein ebenso faszinierender Roman ist „The Drowned World“, eine postapokalyptische Geschichte. London ist nach dem Klimawandel und einer massiven Erwärmung, zu einem tropischen Sumpf geworden. Eine wissenschaftliche Expedition macht sich auf den Weg, um die neue Fauna und Flora zu erforschen. Die Wissenschaftler stoßen auf seltsame Erscheinungen und Phänomene, und treffen auf eine Gruppe Piraten, die in der untergegangenen Welt Londons nach Wertsachen suchen. Die Piraten nehmen die Wissenschaftler gefangen und bringen sie dabei in eine tödliche Gefahr.
Wieder einmal geht es bei Ballard um eine Transformation der äußeren Welt, die die Menschen und die Zivilisation an den Rand der Auslöschung führte. Die unbeherrschbaren Kräfte der Natur und das Ausgeliefertsein des Menschen sind ein wiederkehrendes Thema in vielen Romanen von J.G. Ballard.
In einem anderen Kli-Roman, „The Burning World“ greift Ballard ein ähnliches Sujet auf und lässt einen Wissenschaftler und Arzt durch eine zerstörte Welt ziehen, die ihren zivilisatorischen und kulturellen Niedergang erlebte und in der veränderten Umwelt der völligen Auslöschung ausgesetzt ist. Es ist eine Geschichte über die Isolation und die Verletzlichkeit des Homo sapiens in einer degradierten Umwelt, eine Vision, die gar nicht mal so utopisch ist, angesichts der Gefahren der globalen Klimaerwärmung, die die Biosphäre unseres Planeten grundlegend verändern wird.
In „Hello America“,a“ publiziert 1981, greift Ballard wieder ein ökologisches Disaster auf, das sich mit politischen Geheimaktivitäten und dem Wahnsinn der Protagonisten in einem delirierenden Plot vermischt. Ich frage mich, warum niemand einen Film aus diesem Stoff gemacht hat, denn der Roman ist wie für das Kino geschrieben.
Sein experimenteller Roman „The Atrocity Exhibition“ (“ auf Deutsch „Die Ausstellung der Grausamkeiten“) wurde 1970 veröffentlicht und 1998 verfilmt. Dabei besteht der Roman aus unabhängigen Kurzgeschichten mit unterschiedlichen Charakteren, die alle etwas gemeinsam haben, trotz verschiedener Handlungen. Wie in vielen Ballard Romanen verlieren Wissenschaftler und Ärzte ihren Verstand oder erleben mentale Transformationen, die sie am Rande des Wahnsinns oszillieren lassen, aber auch Erkenntnisse und Einsichten liefern. Das Buch ist komplex, surreal und faszinierend zugleich. Ich vergleiche es mit Thomas Pynchons Klassikern „V“ oder „Inherent Vice“, aber auch mit den Arbeiten von William S. Burroughs, den Ballard selbst sehr schätzte. Es dreht sich immer wieder um Drogenkultur, konterrevolutionäre, von Neurosen und Depressionen befallene Individuen und paranormale Geschehnisse.
Das Buch, das mich zum überzeugten Ballard-Fan machte, war „Concrete Island“ aus dem Jahre 1974. Die Geschichte drehte sich um einen Architekten, Robert Maitland, der auf den englischen Schnellstraßen einen Verkehrsunfall erleidet und mit seinem Wagen in einem Niemandsland zwischen und unterhalb von Autobahnkreuzungen gerät. Er kann sich aus dem Wagen retten, aber findet keinen Weg aus dieser betonierten, urbanen Insel, in der er nun überleben muss.
Das Buch hat mich sofort gefesselt und lange Zeit beschäftigt, manche Passagen und Beschreibungen haben sich wegen ihrer prägnanten Wirkung in mein Langzeitgedächtnis eingegraben. Der Architekt ist nicht allein auf dieser ungastlichen Insel inmitten des unendlichen Verkehrsstroms. Er stößt auf andere Menschen, die in dieser Umgebung von Müll leben, andere, die als Sexarbeiter in Containern hausen, und jene, die schamanistische Rituale vollziehen, die ihn in eine Subrealität hineinziehen, aus der er letztlich nicht mehr entkommen kann.
Ein Jahr zuvor veröffentlichte Ballard seinen gewagtesten Skandalroman „Crash“, in dem es wieder um Autos, Verkehrsunfälle und den motorisierten Menschen geht, dieses Mal allerdings mit einer erotischen Note, die in Fetischismus und Perversion abdriftet. „Crash“ hat viele Rezensionen nach sich gezogen, wurde mit Pornografievorwürfen konfrontiert, mancherorts zensiert oder mit Jugendverbot belegt. Die Figur des besessenen Arztes Doktor Vaughan ist dämonisch, animalisch und metaphysisch zugleich, einer der stärksten Charaktere der Literaturgeschichte. Seine inszenierten Autounfälle, und die körperlichen Verletzungen sind masochistisch und abartig, etwas, das man sich schwer vorstellen kann, und dennoch ein literarisches Vergnügen. Ein Wagnis, das sich lohnt und fesselt. Die Verfilmung dieses außergewöhnlichen Buchs des kanadischen Regisseurs David Cronenberg von 1996 kommt sehr nahe an die morbid-erotische Atmosphäre des Romans heran und ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen.
Ein typisches Sujet, das in Ballards Kurzgeschichtensammlungen „Vermillion Sands“ oder „The Disaster Area“ vorkommt, hat er auch in seinem genialen Roman „High Rise“ in eine bizarre Handlung verpackt.
Die Bewohner eines luxuriösen Hochhauses am Rande Londons leben in einem Zustand aus Bequemlichkeit, Konsum und endloser Ausschweifung. Der Protagonist, ein Arzt, lernt schnell die anderen, meist skurrilen und scheinbar müßigen Hausbewohner kennen. Allmählich bemerkt er die Feindschaften zwischen den Nachbarn, die Eifersucht, den nackten Hass auf die Angewohnheiten der anderen, die zu Überfällen, Raubzügen und Gewalt führen. Das Hochhaus beginnt innerlich und äußerlich zu zerfallen, was den Prozess einer Entfesselung von gewalttätigen Emotionen bis zum endgültigen Zusammenbruch vorantreibt.
Ein apokalyptischer Roman, der sehr genau die mentalen Verfassungen der Charaktere in die Handlung hineinwebt, und dadurch Spannung aufbaut. Ballard machte die negativen Effekte des modernen Massenkonsums und die daraus resultierende Veränderung des menschlichen Verhaltens zu einer fantastischen und bedrückenden Sozialstudie.
International berühmt wurde J.G. Ballard mit seinem semi-autobiographischen Roman „Empire of the Sun“, der 1984 publiziert wurde und die Geschichte des Jungen Jamie in von Japan besetztem Shanghai erzählt. Ballard selbst wurde mit seiner Familie – sein Vater war der Manager einer Firma in Shanghai – von der japanischen Besatzung in eine für Ausländer reservierte Zone gebracht, erlebte aber weder Folter noch echte Gefangenschaft. In dem Roman widerfährt dem Protagonisten allerdings ein Verlust der Eltern, Verzweiflung, Hunger, das Verstecken vor den Besatzern und letztlich auch seine Bewunderung für den Mut der Japaner.
Der Roman ist gut zu lesen, und gibt ein markantes Bild über diese schwierige Periode in Chinas Geschichte, und hebt sich dabei von den vorhergehenden Romanen Ballards durch seine chronologische Struktur und milder Metapher deutlich ab. Die Verfilmung von Steven Spielberg war im Kino erfolgreich. Ich selbst habe den Film nie gesehen.
Für meinen Geschmack interessanter ist ein anderes Buch über denselben historischen Hintergrund, das von Japan besetzte China. Ballard betrachtete diesen Roman als eine Art Fortsetzung von „Empire of the Sun“. Er nannte ihn „The Kindness of Woman“, was im ersten Moment andere Assoziationen weckt. Die Geschichte handelt von derselben Figur, dem jungen Jamie, der im besetzten und danach befreiten China zum Teenager wird und den Mord an einem Chinesen durch einen Japaner beobachtet, den er jedoch nicht verhindern kann. Als er nach dem Krieg nach England, der Heimat seiner Eltern, auswandert, tut er sich schwer, in ein geordnetes Leben hineinzuwachsen, kann sein Studium nicht beenden und vertreibt sich die Zeit mit mechanischen Sex-Abenteuern. Auch als er heiratet und Vater wird, kann er sich von seiner inneren Isolation nicht losreißen, sucht weiter nach sexueller Ablenkung und beginnt, Drogen zu konsumieren. Als seine Ehefrau verstirbt, verliert er endgültig seine Bahn, sieht sich verfolgt von Kameras und der Gewalt, die im Fernseher täglich gezeigt wird. Themen wie die Isolation des modernen Menschen in einer Industriestadt, die ständige Unbefriedigtheit im Massenkonsum, die Depression in einer leistungsorientierten und bürokratisierten Welt und letztlich sein privates Scheitern, eine Normalität herzustellen, kommen in dieser Geschichte gut zur Geltung.
Die letzten zwei Romane, die J. G. Ballard vor seinem Tod schrieb, sind einander ähnlich: „Millennium People“ und „Kingdom Come“, das mir zugesagt hat. Ballard verwendet wieder ein ähnliches Sujet wie in „High Rise“, eine Rebellion in einer Londoner Mittelschicht-Enklave, wo ein Psychologe, Doktor Markham, seine Frau durch ein Bombenattentat verliert und durch die Umstände in der Rebellion einer subversiven Gruppe gerät. Sein Leben erfährt eine grundlegende Transformation und am Ende schließt er sich freiwillig dem Kampf gegen Staat und Polizei an. Wieder ist es die Absurdität und Gewalt, die in einer normal erscheinenden Ordnung ausbricht und bestehende Strukturen von innen heraus zerstört. Gleichzeitig ist es eine Beschreibung der destruktiven Effekte des Massenkonsums auf den Menschen und wie diese haltlos und scheinbar determiniert in einem totalitären und faschistischen System münden, in dem Kontrolle und Überwachung zum Alltag zählen. In Ballards Romanen wächst aber Widerstand, der sich gegen dieses System wehrt, und auch wenn dieser nicht immer zu einem Umsturz oder einem Umdenken führt, gilt er als einziger Ausweg.
Wie viele Science-Fiction-Autoren fühlte J. G. Ballard Geschehnisse und Entwicklungen voraus, die heute immer mehr sichtbar werden und unser aller Leben verändern. Die globale Digitalisierung, die als vierte industrielle Revolution eine technologische, biologische und physische Verschmelzung herbeiführt, die unser aller Leben verändert. Die soziale Kontrolle und Konfusion durch sogenannte soziale Medien, die langsame Auflösung des Mittelstand; das verbreitete Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich; der Rückzug der Superreichen in abgesperrte Resorts; die Isolation des Einzelnen in der modernen Welt; die unkontrollierte Massenmigration aus dem Süden in den Norden; der unhaltbare Klimawandel; Krieg und faschistische Tendenzen; die Ausbreitung von Fetisch, Geistenskrankheiten, Perversion: all dies hat Ballard in seinen Romanen vorausgeahnt. So phantastisch oder utopisch vieles klingen mag, so unwahrscheinlich ist es nicht, dass wir oder die nachfolgenden Generationen derartige Szenarios vorfinden werden.
Für mich ist und bleibt Ballard einer der größten Fiction-Autoren, dessen Stil und Geschichten mich stets begeisterten und neue Horizont und Perspektiven erleben ließen.
Mike Masuri, Jan 2026
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