City of Lights. Meine New York-Filme. Von Scorsese bis Jarmush

Pixabay.com New York City

Viele meiner Lieblingsfilme wurden in New York gedreht. Das ist kein Zufall. Die Stadt war in den sechziger und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts ein kultureller und kreativer melting pot, mit einzigartigem Charakter.

Als Martin Scorsese seine Filme Mean Streets, 1973 und Taxi Driver, 1976 in den Straßen New Yorks drehte, basierte der Erfolg auch auf der urbanen Stadtkulisse der US-Metropole, die den Filmen den einzigartigen „flair“ verlieh. Nirgendwo sonst in den USA gab es eine derartige Kulisse aus majestätischen Wolkenkratzern und heruntergekommenen Wohlvierteln, mit verfallenen Gebäuden, verdreckten Straßen, rostigen Feuerleitern, im Neonlicht der Reklameschilder streunenden Nachtschwärmer, Drogendealern, Prostituierten und Glückssuchern, die sich auf dem harten Pflaster der Metropole durchschlagen mussten und dabei ihre Siege und Niederlagen erlebten.

New York besaß damals kein gutes Image. Die Stadt hatte ein Problem mit Straßen und Gangkriminalität, der italienischen Mafia oder den afroamerikanischen Banden, die einander oft Kriege lieferten und ihre Territorien verteidigten.  New York war der Big Apple, errichtet auf kapitalistischen Privatinteressen der großen Unternehmer und des Staates, der für das Gemeinwohl nur wenig Interesse zeigte und Wohnviertel absichtlich verfallen ließ, wenn Immobilienspekulanten damit kein Geld verdienen konnten.

Noch bevor Robert De Niro alias Travis Bickle in seinem Taxi unglücklich durch die Straßen Brooklyns kurvte, hatte der amerikanische Regisseur William Friedkin 1971 einen Cop-Klassiker, French Connection, mit Gene Hackman verfilmt, dessen Handlung in New York angesiedelt war. French Connection ist einer der besten und spannendsten Polizei-Filme überhaupt, basierend auf einem authentischen Fall von 1962, als zwei FBI Beamte eine enorme Menge Heroin aus Frankreich aufspüren konnten, bevor diese in den Straßen verkauft wurde. Der Film war ein Riesenerfolg und prägte New Yorks Image als gefährlicher Drogenumschlagplatz im Kino. Die legendäre Verfolgungsjagd durch Brooklyn, als der Polizist Popeye Doyle den französischen Drogenhändler mit seinem Auto verfolgte, während dieser in der Hochbahn flüchtete, ist eine der atemberaubenden Action-Szenen der 70er Jahre.

Regisseur William Friedkin hat auch seinen außergewöhnlichen Thriller “Cruising” , 1980 in New York, vornehmlich im Viertel Greenwich Village, gedreht. Der Film dreht sich um Serienmorde in der Homosexuellenszene Manhattans, die ein Undercover-Agent, gespielt von Al Pacino, aufzuklären versucht, und dabei in einen verhängnisvollen Strudel an mörderischen Ereignissen hineingezogen wird.

Ein weiterer genialer Cop-Thriller wurde nur zwei Jahre nach French Connection in der Stadt am Hudson River verfilmt. Sydney Lumets Film Serpico von 1973 mit Al Pacino in der Rolle eines NYDP Cops, der Korruption innerhalb der eigenen Reihen aufdecken sollte und dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Der Film wurde zur Gänze in New York gedreht und wurde zum Klassiker mit unvergesslichen Aufnahmen der Stadt. Sidney Lumet, ein gebürtiger New Yorker mit jüdischen Wurzeln, groß geworden in der berüchtigten Lower East Side, war einer der ganz großen cineastischen Chronisten der Stadt. Sein berühmter Film über einen Banküberfall in Brooklyn Dog Day Afternoon, ebenfalls mit Al Pacino, wurde 1975 ein Jahr vor Taxi Driver gedreht und ist ein herausragendstes Leinwanderlebnis.

Nicht vergessen ist auch Sydney Lumets großartige Madiensatire “Network” von 1976 über die Skrupellosigkeit und Geldgier von Nachrichtensendungen. Ein Film, der großteil in New York angesiedelt ist, mit vielen Außenaufnahmen der Geschäftsviertel rund um die Wall Street und 6th Aveneue. Das Drehbuch zu “Network” zählt zu den Besten, besticht durch grandiose, realistische Dialogen und emotionalen Szenen, die ausgezeichnet die Konflikte der Charaktere schildern. Der große amerikanische Schauspieler William Holden tritt in einer seiner letzten Rollen auf.

Martin Scorsese hatte seinen größten künstlerischen Erfolg und seinen größten Flop mit zwei Filmen, die in New York spielten. 1977 realisierte er ein Musical namens “New York, New York”, mit Robert De Niro und Liza Minnelli, als musikalische Hommage an seine Heimatstadt, was finanziell und künstlerisch nicht aufging und zu einem Flop wurde. Drei Jahre später schaffte Scorsese es jedoch mit der ungewöhnlichen Boxer-Biografie „Raging Bull“, wieder mit De Niro in der Hauptrolle, einen künstlerisch wertvollen und herausragenden Film zu produzieren, der zu den besten cineastischen Charakterstudien zählt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Was eine besondere Leistung war, angesichts der kommerziell erfolgreichen Rocky-Box-Saga von Stallone, die damals extrem beliebt war.

Einer der wohl meistgepriesenen Gangsterfilme aller Zeiten spielte in New York und wurde dort 1972 auch gänzlich gedreht. The Godfather von Francis Ford Coppola ist ein filmisches Meisterwerk, das bis heute von Publikum und Filmschaffenden bewundert und geliebt wird, trotz seiner mehr als fünfzig Jahre auf dem Buckel.  Der zweite Teil von “Der Pate”, wie The Godfather auf Deutsch heißt, wurde zwei Jahre später, 1974 auch großteils in New York gedreht, insbesondere im East Village in Manhattan, und zeigt großartige Szenen aus der Vergangenheit New York Cities, als die Stadt der Anziehungspunkt und Sehnsuchtsort vieler Migranten aus aller Welt war.

Ein Film über einen legendären Jazz Club im berüchtigten New York Stadtteil Harlem stammt ebenfalls von Francis Ford Coppola. Der Film dreht sich um Gangster und Musiker in den 30iger Jahren, als New York ein Magnet für allerlei Künstler, Gangster und Unternehmer war und die Jazzmusik ihren ersten großen Höhepunkt erlebte. Die hervorragende Filmmusik von “Cotton Club” zählt zu meinen Favoriten.

New York war immer schon ein Sehnsuchtsort für Künstler und ist es heute geblieben. Andy Warhol und The Beatles verbrachten eine Menge Zeit in New York City und wurden Teil der lebendigen und kreativen Künstlerszene der Stadt, die weltweit alle anderen Städten davonzog. Im Gegensatz zu Lumet, Scorsese und Coppola wurde Woody Allen, einer der genialen Söhne der Stadt, zur satirischen und ungewöhnlichen Leitfigur der intellektuellen und künstlerischen Szene des Big Apples. Allens erster großer Erfolg Annie Hall von 1977 war auch eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt, die er ästhetischer und fotogener als alle anderen für die Kamera in Szene setzte. Niemand hat die meistfotografierte Brooklyn Bridge jemals so elegant und schön auf Zelluloid verewigt, wie Allen es in seiner Komödie Manhattan getan hat. Er sollte insgesamt zehn Film in New York drehen, darunter Klassiker wie Broadway Danny Rose, Radio Days und Hannah und ihre Schwestern.

Die Autofahrt über die legendäre Brooklyn Bridge-Hängebrücke, die eine der ersten ihrer Art war, gehörte zum cineastischen Repertoire der meisten NY-Filme. Keiner wollte und konnte die Brooklyn Bridge in seinem Film auslassen. Der Blick auf die Skyline von Manhattan von Brooklyn über den East River in der Dämmerung, Morgenstunden oder sogar in der Nacht ist immer noch ein besonderes Panorama. New York war auch die erste Metropole weltweit, die eine solche dichte Ansammlung von Wolkenkratzern aufweisen konnte. Die Ikonen seiner urbanen Architektur sind weltweit bekannt: Empire State Building. Chrysler Building, Pan Am Building, die Zwillingstürme des World Trade Centers ( die 2001 dem Anschlag zum Opfer fielen), das Gebäude der Vereinten Nationen, das Dakota Building und so weiter….Die Mischung aus Futurismus und Art déco machte den Charme aus und rief Staunen und Bewunderung hervor.

Dass der berühmte italienische Western-Regisseur Sergio Leone seinen letzten Film in New York ansiedelte und auch dort verfilmte, war beinahe eine Pflicht. Once upon a time in America  gedreht im Jahr 1984 mit Stars wie Robert de Niro und Joe Pesci ist immer noch ein cineastischer Höhepunkt, dessen New York-Bilder unvergesslich und einprägsam sind und dem Film die visuelle Qualität verliehen. Übrigens setzte der Italiener Sergio Leone die Handlung seines Gangsterdramas nicht im italienischen Milieu, wie einer annehmen mag, sondern innerhalb der jüdischen Gemeinde, die nicht weniger verbrecherisch und grausam handelte, als die amerikanische Cosa Nostra.

Aber New York verfügt nicht nur über die berühmteste Brücke, sondern auch über den berühmtesten Stadtpark, den Central Park, eingezwängt und eingerahmt von hoch in den Himmel schießenden Apartmentblocks und Bürotürmen, deren Bewohner für das Panorama auf die Grünfläche in der Betonlandschaft heute eine der höchsten Mieten weltweit bezahlen müssen. Wer kennt nicht die Szene, als Dustin Hoffmann in John Schlesingers Thriller The Marathon Man durch den Central Park joggt, auf der Flucht vor dem deutschen Nazi-Zahnarzt, der ihn töten will. Derselbe britische Regisseur John Schlesinger drehte fünf Jahre zuvor, 1969, ein außergewöhnliches und provokatives Filmdrama mit Dustin Hoffmann und Jon Voight in New York, das den Titel: Asphalt Cowboys trägt und genauso viel Aufsehen wie Scorseses Taxi Driver oder Ragging Bull erregte. Die zwei Antihelden, ein Landei aus Texas, der glaubt, in New York als Gigolo für vermögende Frauen zu Wohlstand zu kommen, trifft auf den Ganoven Rizzo, der ihn in das Sex-Gewerbe hineinziehen will und dabei gehörig auf die Schnauze fällt.

Ein anderer Filmemacher hatte eine ähnliche Vorliebe für Antihelden und Überlebenskünstler. Jim Jarmush, einer meiner Lieblings-Filmemacher, drehte seine ersten Independent Filme in NY: Permanent Vacation (1980) oder Stranger than Paradise (1984). Mein absoluter Jarmush Favorite ist sein Film Ghost Dog mit Forest Whitaker von 1999, der inhaltliche Parallelen zu dem Klassiker des französischen Film von Jean Pierre Melville Le Samourai von Jahre 1967 aufweist und die herausragende Geschichte eines einsamen Rächers ist. Ghost Dog spielte allerdings nicht direkt in Manhattan oder Brooklyn, sondern auf der anderen Seite des Hudson Rivers, in New Jersey.

Jarmush fand Ende der neunziger Jahre als New York sein schmuddeliges Image ablegte, die Kriminalitätsrate stark drückte und zu einem der teuersten Metropolen der Welt voller Millionäre und Touristen wurde, nicht mehr den selben verruchten und verwegenen Großstadtdschungel der siebziger Jahre und mußte auf Jersey ausweichen.

New York ist nicht mehr die selbe Stadt von früher. Schon gar nicht nach den Terroranschlägen von 2001. Sie hat sich erholt, herausgeputzt und diversifiziert, in vielerlei Sicht verbessert, ist sicherer geworden, sauberer und auch wohlhabender. Den alten Charme, der als geniale Kulisse vieler meiner Lieblingsfilme diente, hat die Stadt nur halbherzig konserviert, und wenn dann als touristische Kulisse für die Massen an Besuchern, die immer noch von diesem Mythos New York City angezogen werden und nach Bildern im Kopf suchen, so wie ich selbst.

Für all jene mit historischem Interesse, wie New York City in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts aussah, kann ich einen außergewöhnlichen Film aus dem Jahre 1948 mit dem Titel The Naked City von Regisseur Jules Dassin empfehlen. In der Anfangssequenz gibt es einen der ersten gefilmten Panoramaflüge über Manhattan, der aus der Vogelperspektive die urbane Topografie der Halbinsel in Schwarzweiß gut veranschaulicht. Der Film, eine Kriminalgeschichte, wurde in den Straßen der Großstadt gedreht und verleiht ein authentisches Gefühl für die Vergangenheit dieser berühmten Hafenmetropole.

Mike Masuri, Juni 2025