Was haben Arthur Rimbaud, Albert Camus und Michel Houellebecq gemeinsam? Mehr als einer gemeinhin annehmen will. Eine kurze Reflexion über literarische Grenzgänger.
Arthur Rimbaud wurde im Jahre 1854 geboren und starb im Alter von 37 Jahren 1891 in Marseille. Zu dieser Zeit hatte er bereits die halbe Welt bereist, Ost- und Südeuropa, Ostasien, den Mittleren Osten und Nord- sowie Ostafrika. Seine Spuren lassen sich bis nach Äthiopien und Somalia verfolgen. In seinen letzten Jahren wurde aus dem rebellischen Dichter ein Geschäftsmann, der sogar im Jemen für eine französische Firma arbeitete. Keine andere Dichterbiografie ist so abenteuerlich wie die von Arthur Rimbaud, ein ruheloser Suchender, ein rastloser Wanderer, ein unsteter Geist, ein sturmgepeitschter Mensch ( wie ihn Thomas Bernhard beschrieb).
Als Jugendlicher las ich seinen berühmtesten Gedichtband „Das trunkene Schiff“ ( Le bateau ivre) und die Prosasammlung „Eine Zeit in der Hölle“ (Une saison en enfer) . Beide Exemplare las ich immer wieder, als könnte ich zwischen den Zeilen die Zauberformel finden, die Rimbaud die Genialität und Verwegenheit verlieh, die ich herbeisehnte. Alle meine Freunde lasen Texte von Rimbaud, es war fast eine Verpflichtung für einen rebellischen Halbwüchsigen. Und nicht nur wir, sondern viele große, berühmte Künstler liebten und lobten Rimbaud. Henry Miller schrieb immer wieder über ihn. Van Morrison textete ein Lied nach ihm. Bob Dylan fühlte sich von ihm angezogen. Rimbaud konnte über alle Kulturen und Sprachen hinweg, hundert Jahre nach seinem Tod, immer noch Menschen bewegen.
Rimbaud literarisch einzuordnen, ist schwierig. Er war Surrealist, Expressionist, Romantiker, manchmal auch impressionistisch, oszillierte zwischen Realität und Traum, oft musikalisch und dann wieder zornig, unmoralisch und wütend auf den autoritären Staat, den verkommenen Adel, die Kirche, das spießig-kleinbürgerliche Milieu . Von seinen Sätzen geht eine besondere Alchemie aus, die ich als sechzehnjähriger Jugendlicher nur interpretieren, aber historisch und auch literarisch nicht zuordnen konnte, dennoch gefesselt, begeistert, berührt und inspiriert wurde. Rimbauds Poesie hinterließ markante Bilder, die in mir ein Eigenleben erlangten. Ich wußte nur wenig über sein Leben. Erst als ich eine Biografie über ihn erwarb, erfuhr ich von seinen Leidenschaften, der Beziehung zu dem Dichter Paul Verlaine, seine Unangepasstheit, das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören.
In seinen späteren Jahren hat sich Rimbaud von seinen jugendlichen Dichtungen distanziert, sogar Texte und Materialien verbrannt, und sich nicht mehr als Poet oder Autor versucht, bis er relativ mittellos und zu seiner Lebenszeit wenig geschätzt, in Marseille an einer Krankheit verstarb.
Albert Camus wurde mehr als zwanzig Jahre nach Rimbauds Tod im Jahr 1913 in Algerien geboren, damals unter französischer Kolonialherrschaft. Literarisch und biografisch gibt es in Camus und Rimbauds Werk und Leben nur wenige Parallelen. Camus wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, lernte die negativen Seiten der französischen Kolonialmacht in Nordafrika kennen, fühlte sich ideologisch vom Sozialismus und Kommunismus angezogen und wurde, nach seinen Kriegserfahrungen und der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht und der französischen Widerstandsbewegung Resistance, ein bekennender Pazifist.
Seinen Roman „Der Fremde“ (L’etranger), der 1942 erschien, las ich zur selben Zeit, als ich Rimbaud entdeckte, und war sofort begeistert von dem kühlen, sachlichen Ton und der Eleganz der Sätze. Die Geschichte über den französischstämmigen Protagonisten, der in seinem Leben kein wirkliches Ziel verfolgt, aber dennoch nicht unglücklich ist, und den zufälligen Mord an einem Einheimischen, den er begeht, hat mich tief berührt und auch betroffen gemacht. Die weitere Gerichtsverhandlung, Verurteilung und Hinrichtung hinterließen einen verstörten Leser, der sich immer wieder dieselbe Frage stellte: Warum hatte der Mann nicht seine Tat bereut und um Vergebung gebeten? Camus philosophisches Werk „Der Mythos des Sisyphos“ gab eine Erklärung auf diese Frage, die ich logisch nachvollziehen kann, die jedoch für mich zu keinem Erkenntnisgewinn führte . Dennoch war ich begeistert von Albert Camus Roman „Die Pest“, dessen Handlung ebenso in Algerien spielt und der meiner Meinung nach in seiner Beschreibung menschlichen Verhaltens, einer der besten französischen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Camus blieb sein Leben lang in der mediterran-arabischen Kulturen verhaftet, lebte aber nie direkt in Marseille, wo Rimbaud seine letzten Jahre verbrachte. Dennoch hielt sich in mir die ungreifbare Imagination aufrecht, hätte Rimbaud ein höheres Alter erreicht und sich dabei wieder dem Schreiben zugewandt, hätten sich Inhalt und Form seiner Texte mit den Werken Alber Camus literarisch überschnitten.
Jahre später, als ich zum ersten Mal einen Roman eines anderen französischen Autors in die Hände hielt – der ebenso wie Camus außerhalb Frankreichs geboren wurde und in Algerien lebte –, tauchte diese Vermutung wieder auf. Michel Houellebecqs Roman „Ausweitung der Kampfzone“ (Extension du domaine de la lutte) von 1994, erinnerte mich sofort an Protagonisten in Camus’ Werke, die auch an ihrer eigenen Kälte und Gefühlslosigkeit, und den Anforderungen der Gesellschaft, in der sie leben, leiden. Houellebecq ist ein sprachlich gewaltiger Autor, einer, der den modernen Zeitgeist präzise, nüchtern, schnörkellos und dann wieder wunderbar poetisch und humorvoll beschreiben kann. Seine Romane „Elementarteilchen“ ( Les Particules élémentaires 1998) und „Platform“ 2001, sind unterhaltsame und geistreiche Romane, die von dem Scheitern des modernen Menschen in der westlich-neoliberalen Konsumgesellschaft handeln , ohne dabei gesellschaftskritisch oder polemisch zu werden und ein System infrage zu stellen.
Der Roman „Unterwerfung“ (Soumission, 2015) über die Machtergreifung der Muslime bleibt letztlich eine handzahme Groteske, die die Parallelgesellschaften der muslimischen Migranten weder verurteilt noch desavouiert. Houellebecq ist kein politischer Autor, der sich positioniert, wie es Albert Camus getan hat. Er ist kein Rebell, kein Kommunist oder Umstürzler, keiner, der gegen das Establishment und den zivilisatorischen Verfall im digitalen Zeitalter thematisiert. Er ist weder ein Rassist, noch ein Klimaschützer, noch das Gegenteil davon, weder regressiv noch reaktionär. Seine Figuren scheitern daran, dass sie nicht lieben können, und nicht geliebt werden, in diesem Sinne ist er mehr ein Romantiker als ein zynischer Satiriker. Seine Werke handeln von der archaischen Suche der Menschen nach Erfüllung in der Gemeinschaft, ohne die es kein Glück, keine Zufriedenheit und keinen Frieden gibt. Er ist ein Chronist des modernen Narzissmus, der wie eine Volkskrankheit – wie die Pest in Camus großem Roman- das Individuum, die Gesellschaft und die Politik ergriffen hat und einen Titanen-Kampf einfordert. Die Schlacht des unersättlich, gierigen, von Egoismus und geistigem Verfall gezeichneten Individuums gegen die Gemeinschaft, die durch jahrhundertlanges Streben nach Solidarität, sozialer Gerechtigkeit, Vernunft und Sachlichkeit, das Ziel des Überlebens der nächsten Generationen nicht aufgeben will. Kurz: Egoismus gegen Altruismus.
Und wieder erweckt es den Eindruck, dass Albert Camus, wäre er älter geworden ( Camus starb im Alter von 47 Jahren), und hätte er die Auswüchse des Neoliberalismus in den Achtzigerjahren noch miterlebt, zu ähnlichen philosophischen Schlussfolgerungen gelangt wäre, wie Michel Houellebecq in seinen Werken schildert.
Mike Masuri, Mai 2025
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