Die dunkle Seite des amerikanischen Traums

Kein Land ist selbstkritischer und gleichzeitig selbstbewusster als die Vereinigten Staaten von Amerika, was sich in vielen Künstlern widerspiegelt. Einer, der als amerikanisches Rock-Idol gilt, der Patriotismus und Stolz auf seine Nation verkörpert, aber gleichzeitig sozialkritische Lieder singt, ist der Musiker Bruce Springsteen.

Viele von Springsteens Rock-Nummern werden bei patriotischen Anlässen gespielt, allen voran „Born in the USA“ von 1984, eine kraftvolle Rocknummer mit eingängigem Refrain, die einer der größten Hits des Musikers aus New Jersey war. Dabei war der Inhalt des Liedes keineswegs „patriotisch“, sondern erzählte von den Erfahrungen eines Vietnam-Veterans, der nach seiner Rückkehr in einem trostlosen Ort lebt und nach den Kriegserfahrungen nicht zurück ins „normale“ Leben findet, und an seine eigenen Ideale und Missionen zweifelt. Eigentlich ist es ein Anti-Kriegs-Lied, das von dem Dilemma vieler patriotisch-gesinnter Menschen handelt, die nach ihrem Einsatz begreifen, dass mit Krieg und dem Töten des Feindes außer mehr Elend und Schmerz, nichts erreicht wurde .

Diese Ambivalenz in Bruce Springsteens Werken hat mich stets interessiert und in mancherlei Hinsicht auch inspiriert. Springsteens Texte sind vielleicht nicht so politisch und literarisch, wie die der Folk-Ikone Bob Dylan, den Springsteen immer wieder als Vorbild nennt. In seinen Liedern stehen häufig Schicksale von Individuen im Vordergrund. Individuen, die normale und gewöhnliche Menschen sind, aber durch Lebensumstände auf die schiefe Bahn geraten, oder ihrer Hoffnungen beraubt, verzweifelt und desillusioniert sind. Springsteens Lieder waren nie leichte Kost und handeln von essenziellen Dingen, von Trauer und Verlust, Einsamkeit und Unfähigkeit, eine Beziehung zu halten, über Verzweiflung und Überdruss, Armut und Ausgrenzung.

Die populäre Nummer „Dancing in the dark“, einer von Springsteens größten Hits aus den 80er-Jahren, erzählt von der inneren Verzweiflung eines jungen Mannes, der den Stumpfsinn seines Alltags, das Ausgeliefertsein, die bedrückende und entmenschlichte Routine in seiner Kleinstadt nicht mehr aushält und ausbrechen will, ahnend, dass es für ihn keinen Ausweg gibt, und er letztlich nur im „dunklen tanzen kann“.

Das Motiv der Verlorenheit in der US-amerikanischen Kleinstadt oder der Vorstadtödnis zwischen Interstate-Kreuzungen, Lagerhäusern, Tankstellen, Drive-In, Motels und seelenlosen Shopping-Centers, kommt in vielen von Springsteens Liedern vor. Wie in „Born to run“, wo es um Ausbruch aus dieser beklemmenden Ödnis geht, in der man sozial und finanziell gefangen ist und sich nur mit Gewalt entreißen kann. In „Jungleland“, einer seiner musikalischen Meisterleistungen, zu finden auf dem legendären „Born to Run“-Album von 1975, singt er über den Überdruss von Jugendlichen, deren Lebensziel es ist, in einem heißen Schlitten zu sitzen, Gas zu geben und sich nächtliche Wettrennen zu liefern, ohne Angst dabei draufzugehen. Hauptsache, man kann vor der Freundin angeben und alles rund um sich vergessen. Auf seinem Album „Darkness on the Edge of Town“, herausgegeben 1978, hat er diese Motive verfeinert und mit archaisch-biblischen Bildern ausgestattet: „Adam Raised a Cain“, „The Promised Land“ , „Badlands“, alles Nummern über mythische Konflikte in der Familie, mit dem Vater, zwischen den Geschwistern, das Erwachen aus der Unschuld der Kindheit in der harten Realität eines Erwachsenenlebens, wo man leicht scheitern kann und durch Pech oder Unachtsamkeit schnell alles verliert.

Als Bruce Springsteen sein erstes Solo-Akustik-Album „Nebraska“ 1982 veröffentlichte, war es kein kommerzieller Erfolg, aber ein künstlerischer Beweis seines Talents als außergewöhnlicher Geschichtenerzähler. Springsteen nahm die Tracks in seinem Schlafzimmer mit Gitarre und Mundharmonika auf, und sang über tragische Figuren, die Verlierer des „American Way of Life“, den Kleinkriminellen, den Einsamen, die Vertriebenen und Gejagten, die Gesetzeslosen, die sich nicht einmal nur durch eine Kugel aufhalten lassen. Die Grundstimmung des Albums ist düster, hoffnungslos und fatalistisch. Die Lieder handeln von jenen, die ihre Wut und ihre Verzweiflung nicht artikulieren können, die nicht einmal ihre Beweggründe verstehen und so in Schwierigkeiten geraten, die ihnen auch das Leben kosten kann. In Johnny 99 ergreift er Partei für einen jungen Mann, der nach der Schließung einer Autofabrik seinen Job verliert, sich betrinkt und mit einer Schusswaffe herumballert und einen Nachtwächter niederknalt. Er wird von den Bullen geschnappt, es kommt zur Gerichtsverhandlung, seine Mutter weint um ihn, doch der gemeine Richter gibt ihm eine Strafe für 98 Jahre.

In der Ballade Highway Patrolman geht es um zwei unterschiedliche Brüder. Einer ist der aufrechte, fleißige Sergeant, der andere ist Frankie, der schwach und verführbar ist und immer schon Ärger bereitet hat. Der Patrolman hat seinem Bruder stets aus der Patsche geholfen. Als Frankie aus dem Krieg zurückkehrte und nicht mehr zurück in sein Leben findet, begeht er aus Wut oder Dummheit eine Bluttat und der Polizist muss ihn aus Pflicht verfolgen, bis sie die Grenzen zu Kanada erreichen. Er lässt seinen kriminellen Bruder absichtlich ziehen, weil es eben sein Blutsverwandter ist und er sich für ihn verantwortlich fühlt. Das Lied kann das Drehbuch zu einem Film sein und zeugt von Springsteens schriftstellerischer Kreativität.

Springsteen-Live-Konzerte sind legendär. Ich habe ihn zweimal mit seiner E-Street Band in Originalbesetzung in großen Stadien erlebt, mit Clarence Clemons am Saxophon, Max Weinberg am Schlagzeug und dem Rest der grandiosen E-Street-Band. Live ist Springsteen immer noch ein Erlebnis, kraftvoll und sympathisch, ein Musiker, der sich auf das Publikum einlässt, der es einbindet, auf die Bühne holt und den Leuten eine gute Show bieten will. Es gibt eine großartige Sammlung von Live-Aufnahmen von 1975 bis 1985 als Doppelalbum, das Springsteens musikalisches Ereignis sehr gut wiedergibt.

Aber Bruce Springsteen wollte eben nicht nur massentaugliche Musik liefern, sondern blieb seinen Themen und seiner Leidenschaft, als Stimme der kleinen Leute zu gelten, treu. Im Jahr 1995 veröffentlichte er ein Album mit ähnlicher düsterer Stimmung wie Nebraska und nannte es „The Ghost of Tom Joad“. Die Figur des Tom Joad ist ein literarischer Charakter, den der US-Autor John Steinbeck in seinem sozialkritischen Roman: “The Grapes of Wrath” geschrieben 1939, angesiedelt in der Großen Depression rund um die Wirtschaftskrise, der 1930er Jahre in den USA- Ein Roman, der als Klassiker der amerikanischen Literatur gilt. Springsteens Konzeptalbum borgt sich den Charakter aus und platziert ihn in die Neunzigerjahre, um auf die Komplikationen des amerikanischen Kapitalismus und diejenigen, die nicht davon profitieren, aufmerksam zu machen. Für jemanden, der viel Geld verdient hatte und als internationaler Musikstar galt, ein sehr mutiger Schritt und zeugt von seiner großen Reflexionsfähigkeit und seiner Empathie.

The Ghost of Tom Joad ist ein akustisches Album. Zwar hört man auch Schlagzeug, Perkussion und Piano, also nicht so minimalistisch wie Nebraska, dennoch den selben melancholischen, dunklen Ton, den man als Anklage oder Kritik verstehen kann, aber auch als Bestandsaufnahme eines sensiblen Künstlers. Schon im Titeltrack hört man. Um was es geht: Obdachlose, die entlang von Eisenbahnschienen wandern. Familien, die in Wohnwägen und Autos übernachten, weil sie sich keinen Wohnraum leisten können, Get a one-way ticket to the promised land. You gotta hole in your belly and a gun in your hand. Sleeping on a pillow of solid rock. Bathing in the city aqueduct. In einem der wohlhabendsten Länder der Welt machen sich Armut, Obdachlosigkeit, Hunger und Verzweiflung breit. Das ist es, was Springsteen zum Nachdenken zwingt. Dabei regiert 1995 der demokratische Präsident Bill Clinton und Springsteen sieht sich politisch den Demokraten am nächsten. Etwas Unbekanntes läuft schief in seinem Heimatland. Die Arbeiterklasse gerät ins Abseits und viele Menschen fallen durch den Rost in prekäre Lebensverhältnisse.

In der Nummer Straight Time singt er wieder über einen Straftäter, der nach der Haft entlassen wird, sich einen Job sucht, zu wenig verdient, um weiterzukommen, und seiner Familie nicht das bieten kann, was er sich vorstellt. Irgendwann zwingen ihn die Umstände, zur Waffe zu greifen, als gäbe es ein heimliches Gesetz, dem er sich nicht entziehen kann. Das Motiv des Wiederholungstäters, das er schon in Nebraska besungen hat. In Across the border sucht und träumt Tom Joad nach dem Fleckchen, wo er sich niederlassen  und ein friedliches und sittliches Leben für sich und seine Familie aufbauen kann. Das Land hinter der Grenze wird zur Metapher für das „promised land“, den ur-amerikanischen Mythos, der auch Steinbecks Romancharakter antreibt, die Mühen und Beschwernisse auf dem Weg in den Westen (Kalifornien als Sehnsuchtsort) zu überstehen.

Auf alle Alben und Lieder Springsteens einzugehen, diese zu analysieren und zu kommentieren, ist eine Aufgabe, die diesen Rahmen sprengt. Doch ein Album, das mir naheging und mich ansprach, möchte ich noch erwähnen:

Zehn Jahre nach The Ghost of Tom Joad, im Jahre 2005, nahm Springsteen ein Studioalbum mit dem Namen „Devil & Dust“ auf, das eines seiner besten Alben der letzten Jahre wurde. Wieder sind es die „Outsider“ der Gesellschaft, über deren Schicksale er singt. I know what it’s like to have failed, baby With the whole world looking on. I know what it`s like to have soared. And come crashin like a drunk on a bar room floor. Die Texte sind rau, kompromisslos, von Enttäuschungen und Hoffnungslosigkeit geprägt, realistisch und ohne Glanz und der Hoffnung auf Erfüllung. Springsteen in seiner düstersten Form. Songs wie All the way home oder Marias Bed sind ungewöhnlich direkt und hart, als gäbe es keinen Grund mehr, die Wahrheit schönzureden oder zu verdrängen. Got an a dead man`s suit and a smiling skull ring. Lucky graveyard boots and a song to sing. I keep my heart in my work, my troubles in my head. And I keep my soul in Maria’s bed. Springsteens Texte waren nie sehr optimistisch und irgendwie schwang immer eine gewisse Trauer mit: die schwere Last des Lebens, die unausweichlichen Schicksalsschläge, aus denen es keinen echten Ausweg gibt, das Ausgeliefertsein an sein Dasein, die kalte Gesellschaft, den Erfolgsdruck, die brutale Abhängigkeit von Jobs und Geld in einem kapitalistischen System .

Doch auf Devils & Dust klingt alles noch dramatischer und schärfer. Fear’s a powerful thing. It’ll turn your heart black, you can trust. It’ll take your God-filled soul. Fill it with devils and dust. Die Ängste sind es, die überhandnehmen und dich steuern, und dein Vertrauen in Gott und dich selbst zerstören. Ängste über das Versagen und nie mehr richtig auf die Beine zu kommen. In The Hitter spricht ein Krimineller und Schläger über seine Verfehlungen zu seiner Mutter, über das Stehlen, über das Betrügen, über all die miesen Dinge, die er tat, um Geld zu bekommen. Er bittet ohne Bedauern oder Reue nur um Schutz für eine Nacht, bevor die Polizei ihn schnappt. I stuffed my bag with their good money and never looked back. Understand, in the end, Ma, every man plays the game. If you know anyone different, then speak out his name. Wieder kommt ein Kriegsveteran vor, der sich nicht mehr in die Gesellschaft eingliedern kann, nachdem er im Namen der Fahne und der Ehre im Ausland getötet hatte. Es sind die illegalen Hispanics, die in den Feldern schuften, und es sind die Grenzflüchtlinge, die in den goldenen Westen wollen, die einsamen Männer, die Geld für Prostituierte ausgeben und sich danach nur noch einsamer fühlen. Die Geschichten in All I`am thinking about oder Reno sind nüchtern und traurig, aber ohne Anklage. Das war nie sein Ding, jemanden für etwas verantwortlich zu machen, die Reichen oder die Politiker, oder die Unternehmer. Springsteen ist der Chronist der Gefallenen, der ihnen eine Stimme gibt und sie aus der Namenslosigkeit herausreißt. „Devils & Dust“ ist ein Blues- und Folk-Album, mit ungemein starken Liedern, vielleicht keine Ohrwürmer, und keine Bühnenkracher, trotzdem eine der besten Springsteen Albums

Zwischen Bob Dylan und Bruce Springsteen gibt es viele Parallelen. Der acht Jahre ältere Dylan hat eine ebenso steile und lange Karriere wie Bruce hinter sich, eine riesige Fangemeinde und eine große Sammlung an Liedern komponiert, von denen viele inzwischen Musikgeschichte sind. Dylan war immer schon ein Liebling der Intellektuellen, der extravagante Querdenker und Revoluzzer, der politische Texte ebenso mitreißend schreiben konnte, wie wunderschöne Liebesballaden. Zwar fand ich Springsteens Stimme und Vokalgesang stets besser und ausdrucksstärker als Dylan, der für seinen nasalen und nuschelnden Ton bekannt ist, dennoch muss ich ihnen beiden hervorragende Gesangsqualitäten beimessen. Sie sind wahrscheinlich die bedeutendsten und erfolgreichsten Singer-Songwriter in den vergangenen fünfzig Jahren und haben das Folk, Blues und Rock-Genre maßgeblich mitgeprägt. Springsteen hat mehrmals Dylan Songs live gespielt und immer auch dessen Einfluss auf seine Musik betont. Als Bob Dylan in die berühmte Rock-’n’-Roll-Hall-of-Fame aufgenommen wurde, war es Bruce, der die Lobesrede hielt und mit Dylan gemeinsam den Hit: “Forever Young” sang. Ob Dylan auch Springsteens Lieder gespielt hat, ist mir nicht bekannt, Generell war und ist Dylan mehr introvertiert und kommuniziert mit seinem Publikum so gut wie gar nicht. 2016 erhielt Bob Dylan auch den Literaturnobelpreis, was keinem anderen Rockmusiker jemals gelungen ist. Allerdings hat Springsteen mehr Grammys und sogar einen Oscar für seine Lieder bekommen.

Abschließend möchte ich meinen Respekt vor Bruce Springsteen zum Ausdruck bringen, der wie kein anderer Musiker die Menschen begeistert, überzeugt und bewegt hat, dessen Lieder einem unter die Haut gehen, zum Nachdenken anregen und durch Menschlichkeit und Klugheit wertvolle künstlerische Beiträge sind. Mich haben viele Springsteen-Lieder inspiriert, meine eigenen Ideen weiterzuspinnen, Probleme zu überstehen, Mut zu gewinnen, Freude am Leben zu finden und die Musik zur Heilung und Reifung der Seele zu nutzen, und ich möchte all diese Dinge nicht missen. Für mich ist und bleibt er, einer der größten, und einflussreichsten amerikanischen Dichter und Musiker.

Mike Masuri, Juni 2026